Biografische Wegbegleitung

Würdezentrierte Therapie

Die Würdezentrierte Therapie (Dignity Therapy) ist eine Kurzintervention für Menschen mit lebensverkürzenden und fortschreitenden Erkrankungen. Sie setzt bei einem Bedürfnis an, das wohl viele von uns teilen: dem Wunsch, „dass etwas von uns bleibt, wenn wir gehen", "dass jemand unsere Geschichte kennt". In drei oder vier Sitzungen begleitet und unterstützt die Therapie schwer erkrankte Menschen dabei, sich ihrer Persönlichkeit und bleibenden Identität zu vergewissern und dadurch insbesondere das Wohlbefinden und Würdegefühl der Betroffenen zu stärken.

Die Therapieform wurde von einem Forscherteam um Professor Harvey M. Chochinov an der Universität Manitoba in Kanada entwickelt. Seit 2014 setzt sich die Deutsche Gesellschaft für Patientenwürde e.V. mit qualifizierenden Schulungen dafür ein, dass die Würdezentrierte Therapie nun auch in Deutschland im Palliativbereich immer häufiger angeboten werden kann (in Kooperation u.a. mit der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin an der Universität Mainz und der Palliativstation der Universitätsklinik Würzburg).

Für wen kann die Therapie hilfreich sein?

Palliativpatientinnen und -patienten sind in einer Lebensphase, die in hohem Maße von ihrer Krankheit geprägt ist. Häufig erleben sie in dieser Zeit, dass vieles, was ihre Persönlichkeit bislang ausmachte und was ihnen im Leben wichtig war, hinter der Erkrankung zurücktritt. So werden Lebensleistungen und Lebenserfahrungen, Wünsche und Werte, aber auch Sorgen und inneren Nöte nun oftmals weniger wahrgenommen als die Symptome der Krankheit.

In dem Maße aber, wie die eigene Persönlichkeit scheinbar an Bedeutung verliert, erfahren sterbenskranke Menschen möglicherweise einen Verlust an persönlichem Würdeempfinden und  damit einhergehend an Lebenssinn und Lebensmut. Dann kann es sein, dass man sich in einer Position der Schwäche gefangen fühlt, in der das „Wozu“ des eigenen Lebens fraglich wird. Es mag sich auch so anfühlen, als würde einem das gelebte Leben zwischen den Fingern zerrinnen. Zusätzlich belastend können Zukunftssorgen hinzukommen, Sorgen über den Verlauf der Krankheit und über das Sterben, sowie Sorgen um Familie und Zugehörige, die man zurücklassen wird.

In dieser kritischen Situation kann die Würdezentrierte Therapie in einem vertrauensvollen Interviewgespräch zwischen Therapeut:in und Patient:in einen neuen Raum öffnen für die persönliche Lebensgeschichte und ihre besonderen Erinnerungsschätze, für Leistungen, auf die man stolz zurückschauen darf, für Erfahrungen, die bewahrt werden wollen, für Wünsche und Gedanken, die noch zum Ausdruck gebracht werden können.

Methoden

Ein Interviewgespräch in vertraulicher, respektvoller Atmosphäre lädt zu einem Lebensrückblick ein. Das Gespräch wird durch einen bewährten, flexiblen Fragenkatalog strukturiert.

  • Sie sind eingeladen, von den Zeiten und Erlebnissen Ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, die bedeutsam waren oder die Sie nicht missen möchten, von Ihren Lebensleistungen, auf die Sie stolz sind, von Ihren Wünschen, Werten und Leidenschaften, die Sie geprägt haben und von Erinnerungen und Erfahrungen, die Ihnen wirklich wichtig sind. Und vielleicht möchten Sie auch von Ihren Hoffnungen und Wünschen erzählen, die Sie Ihren Liebsten auf deren weiteren Lebensweg mitgeben möchten - Gedanken, die einen bewegen, die man aber oftmals untereinander nicht ausspricht.
  • Die Würdezentrierte Therapie sieht weiterhin vor, dass Ihre Therapeutin Ihre Erzählungen in einer gut lesbaren Form verschriftlicht und daraus ein ansprechendes Dokument erstellt. Was schlussendlich darin stehen darf, bestimmen Sie allein. Dieses Schriftstück ist ein immaterielles Erbe, das Ihre Geschichten und Gedanken bewahrt und Ihren Liebsten über den Tod hinaus Freude bereiten kann.

Das vertrauliche Interviewgespräch und das Generativitätsdokument - also die Niederschrift dessen, was als bleibendes Zeugnis des Lebens bewahrt werden darf, sind die wesentlichen Methoden dieser Kurztherapie. Sie sind darauf ausgerichtet, das Gefühl für den unbedingten Wert und die unverlierbare Würde der Person zu bestärken und die Lebensqualität in einer als kritisch empfundenen Lebenszeit zu verbessern.

Wirksamkeit

Bereits 2011 konnte die Wirksamkeit der Therapie in einer klinischen Studie eindrücklich gezeigt werden. Einige Zahlen:

  • Teilnehmende gaben an, dass sie mit der Therapie zufrieden oder sehr zufrieden waren (91%). Sie fanden diese hilfreich oder sehr hilfreich (86%), berichteten über Steigerung des Würdegefühls (76%) und des Gefühls von Sinnhaftigkeit (76%). Viele der Befragten empfanden ihre Teilnahme an der Therapie zugleich als hilfreich für ihre Angehörigen (81%).
  • Die befragten Angehörigen beurteilten ihrerseits die Intervention als hilfreich für Patientinnen und Patienten (95%) und würden sie anderen Betroffenen weiterempfehlen (95%). Neun bis zwölf Monate nach dem Tod des geliebten Menschen gaben viele Angehörige an, dass ihnen das Generativitätsdokument in der Trauer geholfen habe und eine Quelle des Trostes bleiben würde (78%).

Aus: Harvey Max Chochinov, Würdezentrierte Therapie. Was bleibt – Erinnerungen am Ende des Lebens, übersetzt von Sandra Mai, Göttingen 2017.

Kosten

Wenn die Würdezentrierte Therapie zum Leistungsspektrum Ihres ambulanten Palliativteams oder Ihrer Palliativstation gehört, so ist dieses wunderbare Angebot für Sie in der Regel kostenfrei. Oftmals kann es durch Spenden finanziert werden.

Unabhängig davon kann ich Ihnen Würdezentriete Therapie im Rahmen meiner freiberuflichen Arbeit auf Honorarbasis anbieten. Im März 2021 habe ich den Therapieansatz in einer zertifizierten Weiterbildung der Deutschen Gesellschaft für Patientenwürde e.V. erlernen können. Die Arbeitsweise entspricht meinem Verständnis einer ressourcenorientierten biografischen Begleitung von Menschen am Lebensende. - Die Kosten richten sich hier insbesondere nach dem zeitlichen Aufwand für die Erstellung des schriftlichen Dokumentes und werden vorab mit Ihnen besprochen.

Ablauf

Die Struktur der Kurztherapie ist unkompliziert und trifft bei Patient:innen und deren Angehörigen in der Regel auf große Akzeptanz.

Vorgesehen sind drei oder vier Sitzungen in einem Zeitraum von etwa 14-21 Tagen. Innerhalb dieser Zeit finden auch alle Arbeiten für die Texterstellung und die Gestaltung des Dokumentes statt.

  • In einem ersten unverbindlichen Gespräch stelle ich Ihnen die Kurztherapie vor und Sie haben Gelegenheit für Ihre Fragen. Wenn Sie Interesse haben, verabreden wir einen weiteren Termin für ein Interviewgespräch. *
  • Das Interviewgespräch, das auch am Krankenbett stattfinden kann, dauert in der Regel ein bis zwei Stunden und wird von mir mittels eines Diktiergerätes datenschutzkonform aufgezeichnet. **
  • Anschließend werde ich Ihre Erzählungen transkribieren und auf gute Lesbarkeit hin editieren, thematisch ordnen und mit Überschriften versehen. Dabei achte ich bei der Niederschrift darauf, dass Ihre ganz eigene Ausdrucksweise erhalten bleibt. (Denn die ist es, die später einmal andere Personen beim Lesen berühren wird!)
  • Bei unserem Folgetermin lese ich Ihnen Ihre Geschichte vor und wir besprechen Ihre Bedenken oder Änderungswünsche, die noch entsprechend eingearbeitet werden.
  • Auf diese Weise entsteht (auf Wunsch ergänzt durch Bildmaterial) ein eindrucksvolles und vor allem persönliches Schriftstück und Zeugnis Ihres Lebens – für Sie selbst und für Ihre Liebsten, denen Sie es gleich jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt schenken können.

* Eine Ihnen vertraute Person kann an dem Gespräch teilnehmen.
** Die Audiodatei wird ausschließlich für den Zweck der Verschriftlichung des Interviews verwendet, im Anschluss an diese Arbeit wird die Aufnahme gelöscht.

Ein Auszug aus dem Fragekatalog:

"Erzählen Sie mir ein wenig aus Ihrer Lebensgeschichte; insbesondere über die Zeiten, die Sie am besten in Erinnerung haben oder die für Sie am wichtigsten sind. Wann haben Sie sich besonders lebendig gefühlt?"

"Was sind Ihre wichtigsten Leistungen, worauf sind Sie besonders stolz?"

"Was haben Sie über das Leben gelernt, das Sie gern an andere weitergeben möchten?"

"Gibt es etwas, von dem Sie merken, dass es gegenüber Ihren Lieben noch ausgesprochen werden will?" 


Für ausführlichere Informationen zur Würdezentrierten Therapie:
www.patientenwuerde.de oder www.dignityincare.ca oder Wikipedia, Artikel "Würdetherapie"